Fischerinsel & Leipziger Straße

Die Spreeinsel im Urstromtal bildet die landschaftliche Mitte Berlins. Im Norden durch die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz geprägt, muss das Humboldt-Forum erst noch zu dem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt werden, der er zu sein behauptet. Der Abriss des Palastes der Republik und der architektonische Rückbau in die Vergangenheit hat die Gespenster der Geschichte nicht vertreiben können. Aus gutem Grund diskutieren wir heute über die verdrängte deutsche Kolonialgeschichte und darüber, wem geraubtes Kulturgut zusteht.

Die Überquerung der Spreeinsel war immer das zentrale Verkehrsproblem Berlins. Der älteste Übergang an der Rathausbrücke verband die Doppelstadt Berlin-Cölln. Der Ausbau der Mühlendamm- und der Gertraudenbrücke als zentraler Ost-West-Verkehrsader war schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geplant, wurde aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert. Ebenso wie das großstädtisch geprägte Wohnen auf der südlichen Spreeinsel, der Fischerinsel, und entlang der Leipziger Straße.

Die Verkehrswende Berlins entscheidet sich u.a. daran, ob es gelingt, diese Verkehrsschneise zu verschmälern und menschenfreundlich zu gestalten. Vor allem im Innenstadtbereich muss der Autoverkehr reduziert und der Öffentliche Nahverkehr in ganz Berlin ausgebaut werden.

Sowohl die Mühlendamm- als auch die Gertraudenbrücke müssen saniert werden, die alte Gertraudenbrücke soll denkmalgerecht als Fußgänger:innenbrücke wiederhergestellt werden. Eine Reduktion des Autoverkehrs auf der Leipziger Straße geht mit der neuen Tramlinie vom Alex zum Potsdamer Platz Hand in Hand und ist die Voraussetzung, die Straße nach Süden zurückzubauen und im Norden als einen breiten Boulevard zu gestalten. Öffentlicher Raum kann so zurückgewonnen werden, die Lebensqualität der Anwohner:innen verbessert und die Stadt insgesamt klimagerechter werden. Mitte braucht ein übergreifendes Verkehrskonzept, dass die verschiedenen Maßnahmen – insbesondere im Bereich der Leipziger Straße – koordiniert, die Anwohner:innen beteiligt und deren Interessen berücksichtigt. 

Die Revitalisierung der Gewerbeflächen unter Mitwirkung der Anwohner:innen rufen nach der Einbeziehung der Leipziger Straße in das Programm Aktive Zentren, wie es anderenorts in Berlin schon geschieht. Auch hier kann Kultur Stadt entwickeln. Die Leipziger Straße zwischen Charlottenstraße und Spittelmarkt eignet sich, das Mittelstück einer Kulturachse zwischen dem Kulturforum am Tiergarten und dem neuen Kulturzentrum in der Alten Münze und noch weiter, dem Haus der Statistik am Alex zu werden: eine Kultur- und Flaniermeile anstelle einer lauten Stadtautobahn!

Foto: Lena Ganssmann

Text: Thomas Flierl